Kortison in der Praxis

Der Wirkstoff ist für den Menschen und höhere Tiere unbedingt lebensnotwendig. Es ist neben den Katecholaminen ein wichtiges Stresshormon. Das Cortisolsystem reagiert aber träger als das Katecholaminsystem. Die Nebennierenrindenproduktion an Cortisol wird durch die Hypophyse mit ihrem Hormon ACTH und noch eine Stufe höher durch den Hypothalamus durch seinen Corticotropin Releasing Factor (CRF) angeregt. In der Früh liegen beim Menschen die Cortisolwerte im Blutserum normalerweise bei 165-690 nmol/l (Cortisol total) bzw. bei 5-23 nmol/l (freies Cortisol), wobei der Wert direkt nach dem Aufwachen am höchsten ist (sog. Cortisol Awakening Response, CAR). Untertags gibt es dann mit der sog. zirkadianen Rhythmik eine natürliche Schwankungsbreite, weshalb Messungen nicht stichpunktartig sondern mehrmals erfolgen sollten. Für die Überprüfung der Nebennierenrindenfunktion ist daher die Bestimmung eines Cortisoltagesprofils notwendig.

Die Cortisolausschüttung wird durch ACTH (adrenocorticotropes Hormon) aus dem Hypophysenvorderlappen stimuliert. Eine Überfunktion (Hypercortisolismus) führt zum klinischen Bild des Morbus Cushing, eine Unterfunktion (Hypocortisolismus) zum Morbus Addison.

Im Wirkungsspektrum hat Cortisol vor allem Effekte auf den Kohlenhydrathaushalt (Förderung der Glukoneogenese), den Fettstoffwechsel (Förderung der lipolytischen Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin) und den Proteinumsatz (katabol). Cortisol hat eine Aldosteron-ähnliche Wirkung und wird deshalb in Niere, Darm und einigen weiteren Geweben zu Cortison oxidiert, welches nicht an den Mineralcorticoid-Rezeptor bindet und daher keinen antidiuretischen Effekt besitzt, d.h. es behindert nicht die Ausscheidung giftiger Stoffe über den Harn. Bei einem Mangel an funktionstüchtigem Nebennierenrindengewebe wird Cortisol substituiert.

Synthetische Cortison-Varianten sind u. a. das Prednison, Prednisolon, Methylprednisolon, Betamethason, Dexamethason, Triamcinolon, Paramethason und Fludrocortison. Prednison und Prednisolon können im Körper ineinander umgewandelt werden und sind wirkungsgleich. Ihre Wirkung entspricht etwa dem Fünffachen der Cortisonwirkung.

Nebenwirkungen bei langdauerndem und systemischem (d. h. nicht örtlichem) Einsatz: Wasserspeicherung im Gewebe (Ödem) und Gewichtszunahme, Schwächung der Immunabwehr, Förderung der Entstehung von Magengeschwüren, Förderung der Entstehung und Verstärkung einer bestehenden Diabetes, Förderung und Verstärkung eines bestehenden Knochenschwundes (Osteoporose), bei inhalativer Gabe Heiserkeit. Die kurzdauernde Stoßtherapie bei akuten Erkrankungen ist praktisch nebenwirkungsfrei.

Die Glukokortikoide haben vielfältige physiologische Wirkungen. Sie beeinflussen den Stoffwechsel, den Wasser- und Elektrolythaushalt, das Herz-Kreislaufsystem und das Nervensystem. Ferner wirken sie entzündungshemmend und immunsuppressiv.

Sie werden wegen ihrer Möglichkeit, den Kohlenhydratstoffwechsel zu beeinflussen, gelegentlich auch als „Zuckerhormone“ bezeichnet. Der Begriff „Zuckerhormon“ ist jedoch unklar und in der Medizin unüblich; in der Laienpresse werden auch Insulin und Glucagon so bezeichnet.